Josef Peneder
Das   Textarchiv
Texte aus fünf Jahrzehnten
© Josef Peneder 2016   Version 2.5  /  05.05.2022
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Das Suderantenbuch
Das Suderantenbuch
Schon als Kind Schon   als   Kind,   als   Säugling,   hatte   ich   gelegentlich   Grund   zum   Sudern.   Da   mir die   sprachliche   Ausdrucksfähigkeit   noch   weitgehend   fehlte,   musste   Geschrei herhalten.    Auch    das    heftige    Ausspucken    unerwünschter    Nahrung    konnte durchaus als Zeichen von Unzufriedenheit gelten. Mit     zwei,     drei     Jahren     wurde     mir     offenbar     klar,     dass     der     Erfolg     von Unmutsäußerungen    von    den    jeweiligen    Umständen    abhängt.    Anfang    der 1960er   Jahre   kursierte   das   Gerücht,   Spinat   sei   für   ein   Kleinkind   unentbehrlich; er   sollte   die   Blutbildung   anregen,   den   feisten   kleinen   Leib   mit   Eisen   versorgen, zudem galt er in Fachkreisen als wohlschmeckend. Ich    war    anderer    Meinung!    Anfangs    genügte    es,    dass    ich    die    Lippen    fest geschlossen    hielt.    So    kamen    nur    minimale    Mengen    des    grünen    Breies    in meinen   Magen,   meist   durch   Vorspiegelung   verlogener   Motive,   ein   Löfferl   für den   Onkel   Herbert,   ein   Löfferl   für   die   Tante   Poldi.   Als   ob   die   nicht   selbst   als Kinder Spinat gehasst hätten. Bald   stellte   ich   mit   Entzücken   fest,   dass   ein   Ausstoßen   unerwünschter   Nahrung unter   hohem   Druck   maximalen   Erfolg   zeitigte.   Die   Küchenmöbel   waren   grün gesprenkelt und das Thema Spinat fortan auf rudimentäre Versuche reduziert. Da     ich     insgesamt     recht     zufrieden     aufwuchs     und     sich     die     elterlichen Sorgenfalten    nun    auf    meinen    zwei    Jahre    jüngeren    Bruder    konzentrierten, machte   ich   bis   zu   meinem   fünften   Lebensjahr   kaum   nennenswerte   Fortschritte in Sudertechniken. Dann   hieß   es   allerdings   eines   Tages:   in   den   Kindergarten.   Meine   Mutter,   die sich    vollzeitlich    um    uns    Kinder    kümmerte,    war    der    Ansicht,    ich    gehörte sozialisiert.       Ich       sollte       im       Kreise       Gleichaltriger       die       Geheimnisse kommunikativer   Gruppendynamik   kennenlernen.   Ich   wollte   nicht!   Ich   hatte zuhause    alles    Nötige,    Platz,    Spielsachen,    Garten,    einen    kleineren    Bruder. Andere   Kinder   würden   nur   Ungemach   hervorrufen,   das   war   klar.   Ich   sollte Recht behalten. Ich   stieß   im   Kindergarten   auch   sogleich   auf   äußerst   fragwürdige   Arten   von Persönlichkeiten. Die     Machachecks,     diese     angeberischen     Führernaturen,     die     meist     mehr
Josef Peneder
Eine autobiographische, schonungslose Abrechnung mit der gesamten Menschheit
Vorwort Leider   geht   es   mit   der   Menschheit   bergab!   Die   bevorzugte   Lebensform   ist   der Egoismus.   Man   nistet   sich   ein,   man   macht   sich   breit,   man   sudert:   in   Familie, Freundeskreis,   Schule,   Gesellschaft,   Partnerschaft,   Beruf,   in   Vereinen,   Kursen, auf   Stammtischen,   zuletzt   nörgelt   man   noch   herum   mit   dem   Pflegepersonal   im Altersheim, im Spital. Überall     gibt     es     reichlich     Gelegenheiten     zum     Sudern.     Denn     das     ist     die einfachste,   die   unanstrengendste   Form,   sich   selbst   ins   rechte   Licht   zu   rücken. Ob   es   der   Arbeitskollege   ist   oder   die   Weltpolitik:   ich   wüsste,   wie's   geht,   aber mich   fragt   ja   keiner.   Und   darum   wird   gejammert,   geschimpft,   mit   der   Faust   auf den   Biertisch   gehaut,   werden   Hasstiraden   im   Internet   verbreitet,   großzügig   im Umgang mit der Wahrheit, aber in feiger Anonymität. Doch    woher    kommt    dieser    charakterliche    Zwergwuchs,    der    die    Gesellschaft offenbar befallen hat? Was   tun,   wenn   es   wirklich   einmal   Grund   zum   Jammern   gibt?   Ist   der   Mensch,
die   angebliche   Krone   der   Schöpfung,   wirklich   dazu   verdammt,   in   gewissenlosen geistigen   Niederungen   herumzukriechen,   auf   einem   Niveau,   das   jeden   Hund zum Erröten brächte? Dieses    Buch    hat    sich    die    Aufgabe    gestellt,    mit    der    gesamten    Menschheit schonungslos    abzurechnen.    Es    sollen    aber    auch    Möglichkeiten    aufgezeigt werden,   diesem   Elend   die   Stirn   zu   bieten.   Wie   so   oft   werden   die   Weichen   für eine    Karriere    als    erfolgreicher    Suderant    in    der    Kindheit    gelegt,    sind    die Erwachsenen   traurige   Vorbilder,   führt   uns   der   Zeitgeist   an   der   Hand   in   die menschlichen   Abgründe.   Im   reiferen   Alter   muss   uns   das   Schicksal   schon   heftig in den Hintern treten, um uns auf die rechte Bahn zu bringen. Nicht     weniger     als     einen     solchen     Tritt     möchten     die     folgenden     Seiten verabreichen! Linz, im Herbst 2017
Selbstvertrauen   als   Hirn   besitzen,   kleine   Scheusale,   die   als   Kind   schon   ihre Freunderlwirtschaft   aufbauen,   die   mit   sicherem   Instinkt   wittern,   wen   sie   sich zum     Freund     machen     müssen,     wen     sie     niedermachen     können     und     wer uninteressant,   weil   schwach   ist.   Da   ich   zu   den   Stillen   und   Schwachen   gehörte, wurde ich von ihnen meist in Ruhe gelassen. Dafür   gab   es   die   penetranten   Besserwisser,   die   immer   beobachteten,   weil   sie selbst     Theoretiker     waren,     die     jede     Kleinigkeit     registrierten     und     überall ungefragt    ihren    Senf    dazugaben.    Ihre    Autorität    gründete    sich    auf    Floskeln: mein Vater hat aber gesagt... Sie   sind   völlig   unkreativ,   gehen   mit   den   Entdeckungen   anderer   hausieren;   alles Neue   wird   zuerst   beim   Papa   hinterfragt,   und   neugierig   sind   sie,   mit   Betonung auf   gierig.   Sie   fragen,   um   mit   einem   Aber   antworten   zu   können.   Sie   suchen nach   Fehlern   bei   den   anderen,   um   sich   ihr   eigenes   ödes   Lebensgebäude   umso fester    zumauern    zu    können,    bemitleidenswerte    Kreaturen,    wie    ich    damals schon feststellen konnte. Eine   noch   traurigere   Abart   waren   die   dümmlichen   kleinen   Muskelprotze,   die Gefallen   daran   fanden,   anderen   etwas   kaputt   zu   machen.   Da   sie   sich   selbst nicht    zu    beschäftigen    wussten,    war    das    ihre    Beschäftigung.    Ich    frage    mich manchmal,   was   aus   ihnen   wohl   geworden   sein   mag.   Vielleicht   sind   sie   in   die Politik gegangen. Weiters   gab   es   da   die   Wehleidigen,   die   Heulsusen,   die   bei   jeder   Kleinigkeit weinend   zur   Tante   liefen,   die   Petzer,   die   ewigen   Spielverderber   mit   ihrem   "Das sag    ich    aber    meiner    Mama!".    Aus    diesen    Jammerlappen    sind    später    sicher großartige Suderanten geworden. Da   sich   der   Kindergarten,   dieses   Jammertal   menschlichen   Misswachses,   für mich,     der     ich     stille     Beschäftigungen     liebte,     als     völlige     Fehleinrichtung darstellte,   und   da   zum   Sudern   entsprechende   Adressaten   fehlten,   verfiel   ich   in immer   häufigere   körperliche   Defizite,   vor   allem   regelmäßige   Angina,   sodass   ich schließlich   zuhause   bleiben   durfte.   Mir   war   klar,   dass   es   sich   nur   um   zeitlich begrenztes   Glück   handelte,   da   im   Herbst   die   Volksschule   anstand,   wo   ich   wohl den selben traurigen Gestalten wieder begegnen würde. Außerdem brachte man mich ins Spital, wo meine Mandeln entfernt wurden.
In der Volksschule In   der   Volksschule   war   ich   arm   und   klein,   zumindest   fühlte   ich   mich   so.   Ab   der zweiten    Klasse    bekam    ich    gelegentlich    Ohrfeigen    für    Nichtigkeiten,    zum Beispiel,   weil   beim   Einstechen   des   Trinkhalms   ein   Tropfen   Milch   auf   meinen Tisch   gesprungen   war,   oder   weil   ich   auf   meiner   Zeichnung   das   Wappen   von Linz   verkehrt   herum   aufgeklebt   hatte.   Da   auch   die   anderen   Kinder,   wir   waren wie    schon    im    Kindergarten    nur    Knaben,    gelegentlich    Ohrfeigen    erhielten, fühlte ich mich irgendwie dazugehörig. Wir   erhielten   in   der   dritten   und   vierten   Klasse   vom   Herrn   Oberlehrer   auch regelmäßig   Hiebe   auf   die   Finger,   und   zwar   mit   einem   dünnen,   eisengefütterten Holzstab.    Durch    diese    damals    durchwegs    übliche    strenge    Erziehung    war    es andererseits    den    selbstgefälligen    Quälgeistern    aus    dem    Kindergarten    nicht mehr    möglich,    sich    entsprechend    zu    entfalten,    was    ich    wiederum    als    sehr angenehm empfand. Zum   Aufbegehren   fehlte   uns   damals   der   Mut.   Ein   einziger   meiner   Mitschüler wagte   es   einmal,   als   er   vom   Religionslehrer,   einem   kleinen,   dicklichen,   älteren Mann,    der    uns    oft    Gruselgeschichten    von    lebendig    Begrabenen    vorlas,    eine Ohrfeige   erhielt,   laut   "Polizei!   Polizei!"   zu   rufen.   Er   galt   fortan   als   ungezogen und   wurde   zu   Geburtstagspartys   nicht   mehr   eingeladen,   zumal   er   sich   schon vorher   auf   einer   der   besagten   Festlichkeiten   durch   unbotmäßiges   Verhalten einen    schlechten    Ruf    erworben    hatte.    Er    hatte    es    nämlich    geschafft,    zwei Frankfurter   Würste   gleichzeitig   bis   zur   Zimmerdecke   flutschen   zu   lassen.   Ein aufsässiges     Kerlchen,     dem     nachträglich     mein     uneingeschränkter     Respekt gebührt. Während   also   in   der   Schule   autoritär   gedämpfte   Ruhe   herrschte,   habe   ich   aus dieser   Zeit   die   häuslichen   Geburtstags-   und   Faschingspartys   in   unangenehmer Erinnerung, vor allem jene, die bei uns zuhause stattfanden. Ich      hätte      natürlich      nur      die      wenigen      netten,      stillen,      freundlichen Klassenkameraden    eingeladen,    aber    ich    wurde    nicht    gefragt.    Meine    Eltern fanden   es   nötig,   jene   Kinder   einzuladen,   deren   Eltern   sie   kannten,   und   deshalb tummelten   sich   auf   unseren   Partys   dieselben   geistigen   Nichtsnutze,   die   mir schon den Kindergarten verleidet hatten. Wir,   mein   Bruder   und   ich,   mussten   also   eine   lustige   Miene   aufsetzen   und   mit diesem   Abschaum   der   Menschheit   lustige   Partyspiele   ertragen.   Einer   fiel   dabei zu     meiner     nicht     geringen     Schadenfreude     rücklings     von     meinem     großen Stoffelefanten,    mit    dem    er    ungefragt    herumgerollt    war,    und    begann    ein fürchterliches   Heulsusengeheul,   worauf   ihm   meine   Mutter   mein   Lieblingsbuch schenkte.    Dieser    Vorfall    erzeugte,    im    Nachhinein    betrachtet,    einen    nicht unerheblichen   Knacks   in   der   Beziehung   zu   meiner   Mutter;   noch   dazu   kaufte mir   die   Großmutter   am   nächsten   Tag   das   Buch   wieder,   was   auch   die   ohnehin ziemlich    gespannte    Beziehung    zwischen    meiner    Mutter    und    deren    Mutter weiter   verschlechterte.   Ich   schmollte,   hielt   mich   an   die   Oma   und   erwähnte   den Vorfall    bei    jeder    sich    bietender    Gelegenheit,    ein    erster    großer    Schritt    zum Jammerer. Auch       das       Petzen,       eine       ursprünglich       wenig       geübte       Form       von Unmutsäußerungen,   erlebte   bei   diesen   Kinderfesten   einen   Aufschwung:   der weichliche,   dickliche   Sohn   von   Bekannten   meiner   Eltern,   der   mir   schon   im Kindergarten   gründlich   auf   die   Nerven   gefallen   war   und   natürlich   auch   in   der Volksschule   wieder   in   meiner   Klasse   sitzen   musste,   ein   farbloser,   schwammiger Langeweiler,   hatte   aus   Ungeschicklichkeit   ein   Glas   zerbrochen,   was   ich   seinen Eltern,    ich    konnte    kaum    erwarten,    dass    sie    ihn    abholen    kämen,    genüsslich schilderte.    Natürlich    entschuldigte    sich    meine    Mutter    daraufhin    für    mein   Verhalten,    erklärte,    das    mit    dem    Glas    sei    doch    nicht    weiter    schlimm,    das komme   halt   vor,   es   sei   ja   nichts   passiert,   während   ich   mit   roten   Ohren   daneben stand und dem feinen Sack am liebsten in den feisten Hintern getreten hätte. Ein   paar   Monate   später   ergab   sich   zufällig   Gelegenheit   zur   Rache,   und   das   kam so: Von   den   Bekannten   meiner   Eltern,   die   regelmäßig   zu   Besuch   kamen,   trieben manche   ab   und   an   ihren   Schabernack   mit   uns   Kindern,   brachten   uns   lustige Sprüche   bei   oder   zeigten   uns   Tricks.   Ich   musste   mich   mit   gegrätschten   Beinen aufstellen,   nach   vorn   beugen   und   die   Hände   zwischen   den   Beinen   durch   nach hinten   strecken.   Der   "Onkel"   zog   nun   fest   nach   oben,   ich   wirbelte   in   einer   Art Luftpurzelbaum    herum    und    stand    wieder    am    Boden.    Das    war    lustig    und aufregend   zugleich   -   ich   wollte   es   natürlich   selbst   einmal   bei   jemand   anderem ausprobieren. Auf   einer   der   nächsten   Kinderpartys,   es   war   diesmal   nicht   bei   uns   zuhause, ergab     es     sich,     dass     ich     meinem     schwammigen     Glaszerbrecher     wieder begegnete.   Ich   erklärte   ihm,   es   gäbe   da   einen   lustigen   Trick,   den   ich   ihm   zeigen könnte.    Er    war    auch    gleich    einverstanden    und    stellte    sich    nach    meinen Anweisungen    in    Positur.    Ich    zog,    so    fest    ich    konnte,    an    seinen    Händen. Natürlich   hatte   ich   nicht   die   Kraft   eines   Erwachsenen   und   er   war   auch   dicklich und    schwer,    also    erreichte    ich    nur,    dass    er    mit    dem    Gesicht    voran    am Parkettboden      aufklatschte,      ein      erhebender      Anblick.      Geistesgegenwärtig erklärte   ich   ihm,   er   sei   nicht   locker   genug   gewesen   und   wir   könnten   es   gleich noch   einmal   versuchen,   worauf   er   sich   heulend   davonmachte.   Irgendwie   hatte die     Sache     für     mich     keine     besonderen     Konsequenzen,     lediglich     mein Selbstvertrauen war spürbar gestiegen. Gegen   Ende   der   Volksschulzeit   begann   ich   festzustellen,   dass   jene   Knaben,   die aus    sogenannten    zerrütteten    Verhältnissen    kamen    und    daher,    wie    meine Mutter   betonte,   ein   schlechter   Umgang   für   mich   waren,   mehr   Selbstvertrauen erlangt    hatten    als    die    meisten    anderen.    Auch    waren    es    durchwegs    schon gestandene     Charaktere,     interessantere     Persönlichkeiten     als     die     normalen Langeweiler,     die     keine     eigene     Meinung     hatten,     die     immer     brav     die Hausübungen   machten   und   von   den   Lehrern   oft   gelobt   wurden   -   ich   gehörte
damals auch noch dazu! Einer   meiner   Mitschüler   hatte   es   sogar   in   die   Zeitung   geschafft.   Er   hatte   mit seinen   Freunden   am   Ufer   der   gerade   Niedrigwasser   führenden   Donau   eine   alte Handgranate   gefunden.   Sie   hatten   daraufhin   ein   kleines   Feuer   entfacht,   die Granate    hineingeworfen    und    in    sicherer    Entfernung    auf    das    zu    erwartende Ereignis geharrt. Als nichts passierte, verließen sie ihre Deckung... Der   Oberlehrer   höchstpersönlich   las   uns   in   der   Klasse   den   Zeitungsartikel   vor, dem   zufolge   dem   mutigen   Mitschüler   im   Krankenhaus   Dutzende   Granatsplitter aus   der   Haut   entfernt   worden   waren.   Unsere   Stimmung   schwankte   zwischen Bewunderung    und    Mitleid.    Ich    empfand    ein    wenig    Neid,    denn    ich    hätte natürlich   weder   mit   Freunden   an   der   Donau   spielen   noch,   Gott   behüte,   ein Lagerfeuer entzünden dürfen. Ein   anderer   Mitschüler   lebte   bei   seiner   Oma,   einer   alten   Frau,   die   er   eines Morgens   tot   in   ihrem   Bett   fand.   Ich   war   nie   auf   die   Idee   gekommen,   ihn   zu fragen,   was   mit   seinen   Eltern   sei;   womöglich   waren   sie   gestorben   oder   nach Australien   ausgewandert,   jedenfalls   hätte   eine   solche   Frage   Peinlichkeiten   nach sich ziehen können. Da   gerade   die   Rede   von   Peinlichkeiten   ist,   fällt   mir   noch   eine   bemerkenswerte Begebenheit    ein.    Wir    hatten    etwa    ein    Schuljahr    lang    einen    Mitschüler,    der ungeheuer   fett   war.   Er   hatte   schwarze   Locken,   ein   breites   Vollmondgesicht   und drei    Kinne,    die    bei    jeder    Bewegung    wabbelten.    Er    tat    mir    vom    ersten Augenblick    an    leid,    denn    er    wurde    natürlich    bei    jeder    Gelegenheit    aufs Grausamste   verspottet,   und   zwar   nicht   nur   von   den   üblichen   selbstgefälligen Schwachköpfen,    sondern    auch    von    den    stillen    Duckmäusern,    die    wie    feige Ratten   aus   den   Löchern   quollen   um   mitzumachen   bei   dieser   Treibjagd.   Der beliebteste   Ort   der   Demütigungen   war   das   Knabenklo,   wo   es   damals   noch   eine wasserbespülte   Wand   gab,   gegen   die   gepinkelt   wurde.   Unser   dicker   Neuzugang pflegte   sich   zu   diesem   Zweck   die   Hosen   bis   zu   den   Knien   hinunterzulassen,   was zur   Folge   hatte,   dass   ihn   in   der   Pause   jedesmal   ein   wahres   Gefolge   begleitete, wenn   er   sein   Geschäft   verrichten   wollte.   Wenn   dann   der   Lehrer   wieder   in   der Klasse   war,   fand   sich   immer   ein   Feigling,   der   stolz   vermeldete:   "Der   Dicke   hat sich schon wieder die Hose heruntergezogen!" Seine   Mutter,   so   erklärte   unser   Lehrer   einmal,   sei   Opernsängerin   und   habe ihrem    Sohn    natürlich    manches    beigebracht.    Und    tatsächlich    schritt    dieser gequälte   und   verspottete   kleine   Bursche   mit   einem   gewissen   Stolz   auf   die   Bitte des    Lehrers    nach    vorn    und    begann    eine    Stelle    aus    einer    Oper    zu    singen, auswendig,   laut,   gut,   selbstbewusst.   Dazu   vollführte   er   tänzelnde   Bewegungen, breitete   die   Arme   aus   und   warf   uns,   dem   Publikum,   zum   Schluss   schmachtende Kusshände   zu.   Wir   waren   begeistert,   aber   einig   in   unserem   Urteil:   der   ist   nicht normal! Vielleicht    ist    es    anderen    auch    so    gegangen    wie    mir,    denn    ich    fand    die Darbietung   zwar   furchtbar   peinlich,   ein   fetter   Knabe,   der   tanzt   und   singt,   aber ich    bewunderte    seinen    Mut.    Er    war    von    sich    überzeugt,    er    schien    einen Lebensbereich    zu    besitzen,    der    sich    den    Niederungen    seiner    tagtäglichen kläglichen    Demütigungen    entzog,    er    war    frei.    Dadurch    polarisierte    er.    Man konnte   ihn   bewundern,   sein   Talent   anerkennen,   heute   hätte   er   auf   Youtube   und Facebook   oder   in   einer   der   vielen   Talenteshows   sicher   große   Erfolge.   Damals waren   wir   nichts   als   ein   Häuflein   Feiglinge.   Keiner   von   uns   hätte   es   gewagt,   mit sieben   Jahren   vor   die   Klasse   zu   treten   und   zu   singen.   Keiner   von   uns   hätte   so einen   Auftritt   damals   zustande   gebracht.   Daher   musste   er   verspottet   werden, ausgestoßen,   bei   jeder   Gelegenheit   daran   erinnert   werden,   dass   die   dumpfe, grausame   Masse   stärker   ist   und   keine   Außenseiter   duldet   und   keine   andere Meinung. Ich   bin   heute   noch   stolz   darauf,   dass   ich   damals   nicht   mitgeschrien   habe   bei den    Verspottungen,    dass    ich    Mitleid    empfand,    dass    mir    graute    vor    dem Gedanken,   ich   könnte   an   seiner   Stelle   sein,   dass   vielleicht   sogar   ein   wenig   die Ahnung   Raum   griff:   der   kann   ja   selber   nichts   dafür.   Damals   wurde   in   mir   wohl der   Keim   gelegt   zu   der   ewigen   Frage:   wer   trägt   die   Verantwortung?   Wer   ist schuld?   Diese   Frage   beschäftigt   mich   bis   heute,   und   ich   habe   auch   einige   gute Antworten darauf gefunden. Jener    dicke    Knabe    konnte    sicher    nicht    für    sein    Aussehen    verantwortlich gemacht   werden.   Er   hat   sich   das   nicht   ausgesucht,   er   hatte   diese   Bürde   zu tragen,   durch   seine   Kindheit   hindurch,   dazu   verdammt,   schon   auf   den   ersten Blick   anders   sein   zu   müssen.   Die   Schuld   liegt   eindeutig   bei   denen,   die   mit   dem Finger   auf   ihn   zeigen,   die   lachen,   spotten,   ihn   verachten.   Sie   tun   es   aus   freiem Willen,    wenn    auch    in    dem    engen    Korsett    anerzogener    gesellschaftlicher Normen,   aber   sie   müssen    nicht   so   handeln.   Sicher   ist   für   die   meisten   die   reine Feigheit   der   Grund,   die   Erkenntnis   ihrer   eigenen   Unzulänglichkeit.   Aber   wie   es für   die   Masse   Rädelsführer   braucht,   die   sich   diese   Feigheit   zunutze   machen   für ihre     Zwecke,     so     bedarf     es     auch     charakterfester     Persönlichkeiten,     die Zivilcourage   zeigen,   die   aufstehen   und   deutlich   sagen:   "Mit   mir   nicht!"   In   der Volksschule   kann   man   solche   Reife   noch   kaum   vermuten,   aber   so   mancher Grundstein wird hier gelegt. Ich   bin   ihm   später,   mit   dreizehn,   noch   einmal   kurz   begegnet,   als   er   einige   Zeit die    Parallelklasse    im    Gymnasium    besuchte.    Er    schritt    den    Gang    entlang, umringt   von   einer   Meute   johlender   Idioten.   Ich   tippte   ihm   auf   die   Schulter   und nannte   seinen   Namen.   Er   drehte   sich   um   und   betrachtete   mich   misstrauisch. Es   dauerte   einige   Augenblicke,   bis   er   erkannte,   dass   ich   ihm   offenbar   nichts Böses   wollte.   Wir   wechselten   ein   paar   Worte,   gemeinsame   Volksschulzeit,   er hat    sich    natürlich    nicht    mehr    an    mich    erinnert,    trotzdem    haben    mir    die Begegnungen   mit   ihm   viel   für   mein   Leben   gebracht.   Sie   haben   mir   vor   allem die Augen geöffnet, wie furchtbar grausam Menschen sein können.
Im Gy mnasium Im   Gymnasium   waren   wir   erstmals   eine   gemischte   Klasse.   Das   war   auch   für   die Machachecks    eine    neue    Situation,    auf    die    sie    sich    erst    einstellen    mussten. Einige   setzten   auf   rohe   Gewalt   und   verdroschen   gelegentlich   einen   Mitschüler, der   gerade   zur   Hand   war.   Da   sich   die   Mädchen   davon   aber   wenig   beeindruckt zeigten,   nahmen   Raufereien   kontinuierlich   ab.   Überhaupt   ging   es   hier,   in   den altehrwürdigen   Hallen   dieser   Anstalt,   viel   gesitteter   zu,   und   es   entstand   so etwas   wie   eine   Klassengemeinschaft.   Dazu   trugen   auch   einige   der   Professoren bei,   die   wir   bald   als   gemeinsamen   Feind   betrachteten.   Nichts   schweißt   offenbar eine Gemeinschaft mehr zusammen als eine Bedrohung von außen. Natürlich     gab     es     auch     hier     wieder     bestimmte     Typen,     die     Streber,     die Arschkriecher   und   Schleimer,   die   Petzer,   die   Feiglinge,   aber   auch   Aufmüpfige, Ruhestörer    und    Querulanten,    die    man    heutzutage    als    "verhaltensoriginell" bezeichnen würde, damals waren es einfach schlimme Fratzen. Ich   selbst   war   inzwischen   in   meiner   Beurteilung   der   Mitmenschen   schon   etwas milder,   hatte   ich   doch   erkannt,   dass   viele   nur   deshalb   so   waren,   weil   sie,   vom Elternhaus   geprägt,   ihr   Verhalten   für   die   für   sie   bestimmte   und   geeignete   Form der   Integration   in   die   Gemeinschaft   hielten.   Ich   war   geneigt,   anzuerkennen, dass   Ängstlichkeit,   Begriffsstutzigkeit   und   fehlende   kreative   Fähigkeiten   eher dem Unvermögen geschuldet waren als bewusster Bosheit. Lediglich   mit   den   gewaltbereiten   Tyrannen   gehe   ich   bis   heute   noch   hart   ins Gericht, ihr Verhalten ist nicht zu rechtfertigen! Je    geringer    der    Ärger    mit    den    Mitschülern    wurde,    desto    schlimmer    traten einzelne   Lehrer   in   Erscheinung,   die   uns   für   ihre   ganz   persönlichen,   oft   noch aus    Kriegszeiten    herrührenden    Kränkungen    und    Probleme    büßen    ließen. Mitleidlose   Strenge,   heillose   Überforderung   oder   krankhafte   Autoritätssucht sowie   völliges   Fehlen   von   Humor   kennzeichnete   manche   von   ihnen,   andere schienen   bereits   biblisches   Greisenalter   erreicht   zu   haben,   saßen   vorne   mit missmutigem      Gesicht      und      ließen      uns      aus      dem      Buch      abschreiben. Unterrichtsstörung   wurde   durch   Strafen   geahndet,   meist   mussten   wir   einige Seiten    schreiben    oder    von    zuhause    eine    Unterschrift    bringen,    die    unsere disziplinäre Unzulänglichkeit bestätigen sollte. Einer   meiner   Mitschüler,   dem   es   besonders   schwer   fiel   nicht   zu   schwätzen,
hatte   die   unheilvolle   Idee,   die   geforderte   Unterschrift   des   Vaters   durch   eine   List zu   erlangen.   Er   schrieb   auf   ein   leeres   Blatt   mit   Bleistift   einige   Zeilen,   dass   wir für   den   Wandertag   in   zwei   Wochen   feste   Schuhe   und   Regenschutz   bräuchten, ließ   das   unterschreiben,   radierte   seinen   Text   sorgsam   aus   und   schrieb   dann darüber,   dass   er   in   der   Mathematikstunde   nicht   aufgepasst,   geschwätzt,   gestört und      außerdem      die      Hausübung      nicht      ordentlich      gemacht      hätte.      Aus irgendeinem   Grund   schnitt   er   alsdann   mit   der   Schere   den   unteren   Teil   des Blattes    weg,    sodass    er    dem    säuerlich    blickenden    Professor    einen    schmalen, leicht   zerknitterten   Papierstreifen   vorlegte.   Dieser   fühlte   sich   in   seiner   Würde verletzt,   schrieb   darunter:   Soll   das   ein   Witz   sein?,   und   verlangte   eine   zweite Unterschrift.   Die   häuslichen   Folgen   waren   verheerend   und   der   Schüler   eine zeitlang ziemlich kleinlaut. Andere   Lehrer   schrieben   vorlaute   Schüler   ins   Klassenbuch,   dies   mussten   wir dann     unserem     Klassenvorstand     melden.     Der     war     zwar     ein     durchaus freundlicher,   umgänglicher   älterer   Herr,   doch   war   es   ihm   sichtlich   zuwider,   für seine   Kollegen   die   Bestrafungsarbeit   zu   übernehmen.   Also   ließ   er   sich   nicht lumpen   und   erteilte   eben   auch   Strafen   in   hinreichendem   Ausmaß;   ich   musste einmal   übers   Wochenende   eintausendmal   (!)   den   Satz   schreiben:   Ich   habe   mich in   der   Schule   ordentlich   zu   benehmen!   Da   meine   Eltern   davon   nichts   merken durften,   sie   hätten   zusätzlich   geschimpft,   musste   ich   heimlich,   in   den   Pausen, während    anderer    Unterrichtsstunden    und    zum    Teil    nachts    schreiben.    Ich verbrauchte   mehr   als   einen   halben   Schreibblock,   schrieb   jeweils   auf   einer   Seite die   “Ichs”   untereinander,   dann   “habe”   usw.,   und   schaffte   es   bis   Montag   nur   bis neunhundertfünfundfünfzig,   worauf   ich   einen   Tag   Verlängerung   und   zusätzlich hundertmal   ausfasste.   Ich   weiß   nicht   einmal   mehr,   was   der   Anlass   für   diese Strafe   war,   vielleicht   eine   Klassenbucheintragung   von   unserem   Zeichenlehrer, der   gerne   über   sämtliche   Formen   von   Kitsch   philosophierte   und   es   nicht   ertrug, wenn jemand während seiner geistigen Ausführungen zeichnete. Natürlich    gab    es    auch    nette,    freundliche,    menschliche    Lehrkräfte,    deren Autorität     sich     auf     fachliche     Kompetenz     und     pädagogische     Fähigkeiten gründete;   mit   der   Zeit   lernten   wir   so   die   Menschen   kennen,   eine   Vorbereitung auf das wirkliche Leben.
Ein guter Grund Ein     guter     Grund     zum     Sudern     waren     Hausübungen     oder     bevorstehende Schularbeiten,   Tests,   schlechte   Noten,   die   man   unterschreiben   lassen   musste, Prüfungen,     die     jederzeit     ohne     Ankündigung     stattfinden     konnten,     sowie Sprechtage.    Ansprechpartner    für    Beschwerden    und    Probleme    war    stets    die Mutter,   die   sich   inzwischen   in   ein   Soziologie-   und   Psychologiestudium   vertieft hatte,   um   ihrerseits   die   Probleme   mit   ihrer   eigenen   Mutter   zu   ergründen   und zu     verarbeiten.     Sie     schrieb     an     einer     Doktorarbeit     mit     dem     Titel     “Die Schulleistungen      als      Sozialisationsphänomen”,      was      für      mich      ziemlich abgehoben   klang,   doch   übernahm   sie,   wohl   zu   Studienzwecken,   die   Rolle   der Elternvertreterin    unserer    Klasse,    was    zur    Folge    hatte,    dass    nicht    nur    ich, sondern    auch    zahlreiche    Eltern    sie    als    Anlaufstelle    für    allerlei    Gejammer benutzten.   Meist   ging   es   um   zu   strenge   Benotung,   um   Ungerechtigkeiten,   und die    Eltern    erwarteten    sich    von    ihr,    dass    sie,    unter    Wahrung    strengster Diskretion    und    Anonymität,    bei    den    entsprechenden    Lehrkräften    vorstellig würde,   um   ihnen   gehörig   die   Meinung   zu   sagen.   Ich   glaube,   sie   hat   das   Amt nach     ein     oder     zwei     Jahren     wieder     abgegeben,     entnervt     und     psychisch ausgelaugt.     Für     ihre     Doktorarbeit     hat     sie     aber     ausreichend     Material bekommen. Ich   selbst   begann   langsam   Gefallen   am   Schulbetrieb   zu   finden.   Vor   allem   die öde      dahinkriechenden      Stunden      eröffneten      ein      überraschend      weites Betätigungsfeld   für   kreative   Beschäftigungen,   und   es   gab   erstaunlicherweise auch   Gleichgesinnte.   So   rollte   ich   in   den   Pausen   die   vierkantigen   Kreiden   so lange    an    der    Tafel,    bis    sie    rund    waren,    schnitt    sie    sodann    während    der Geschichts-    oder    Geographiestunde    in    Scheiben,    bohrte    vorsichtig    mit    dem Zirkel   ein   Loch   in   die   Mitte   der   Scheiben   und   befestigte   jeweils   vier   mittels Stecknadeln   an   einem   Radiergummi   -   fertig   war   das   Rennauto.   Auf   der   Atlas- Rückseite   gab   das   tolle   Radspuren,   die   gelegentlich   sogar   den   Geographielehrer aus dem Konzept brachten. Unser   Geschichtsprofessor,   ein   dicker   alter   Herr,   pflegte   den   Unterrichtsstoff mündlich   vorzutragen,   wobei   er   vorne   hin   und   her   wanderte   und   seine   Finger dabei   gedankenverloren   über   die   Bänke   in   der   ersten   Reihe   gleiten   ließ.   Ich   saß damals   mit   meinem   Freund   in   eben   dieser   ersten   Reihe,   und   wir   ließen   uns allerlei   einfallen.   Wir   bauten   kleine   Sprungschanzen   aus   Karton   und   ließen   die vorbeiziehenden   Finger   des   Lehrers   über   verschiedene   Hindernisse   springen: Bleistifte,   Radiergummi,   ein   Essiggurkerl   vom   Jausenbrot   oder   eine   tote   Fliege. Gelegentlich   streuten   wir   Kreidestaub   auf   die   Bank,   der   ja   bei   der   Herstellung von    Autorädern    reichlich    abfällt,    auch    Radiergummi-Wutzerl,    Sand    oder Sägemehl   waren   geeignete   Materialien.   Wenn   einer   von   uns   ein   Honig-   oder Marmeladenbrot   dabei   hatte,   ergaben   sich   interessante   Kombinationen:   würde der Finger nach der Sprungschanze im Honig oder in der Marmelade landen? Der   Lehrer   wischte   sich   dann   meist   seinen   Finger   an   der   Hose   ab,   ohne   auch nur einmal der Ursache dieser Unregelmäßigkeit gewahr zu werden. Auch   andere   hatten   treffliche   Ideen.   Da   zu   Beginn   der   ersten   Stunde   immer gefragt   wurde,   ob   jemand   fehle   und   der   Lehrer   den   Betreffenden   sodann   im Klassenbuch    vermerkte,    worauf    die    folgenden    den    Namen    in    jeder    Stunde abschrieben,   nannten   wir   einmal   den   Schüler   Paul   Müller   als   fehlend.   Nun   gab es   diesen   Schüler   zwar   nicht,   aber   der   Mathematiklehrer   schrieb   ihn   ohne   mit der    Wimper    zu    zucken    ins    Klassenbuch.    Auch    die    nächsten    drei    oder    vier Lehrkräfte   vermerkten   das   Fehlen   von   Paul   Müller;   erst   unser   allseits   sehr geschätzter     Religionslehrer     erkannte     sofort     den     Scherz     und     strich     den Fehlenden lachend wieder aus. Dieser   Religionslehrer   erwarb   sich   auch   bei   anderen   Gelegenheiten   unseren Respekt.   Da   unsere   Klasse   in   einem   einsamen   Gang   lag,   kamen   wir   auf   die sportliche   Idee,   einen   Wettbewerb   im   Hochsprung   durchzuführen.   Die   Wände waren    lange    nicht    mehr    gestrichen    worden,    und    wenn    man    mit    der    Hand
daraufschlug,   blieb   ein   weißer   Abdruck   an   der   staubigen   Wand.   Wir   sprangen also   in   der   Pause   an   der   Wand   hoch   und   versuchten,   unsere   Hände   möglichst weit   oben   zu   platzieren.   Wir   waren   mitten   im   eifrigsten   Wettkampf,   als   der Herr   Direktor   um   die   Ecke   bog.   Wie   das   Schicksal   so   spielt,   war   gerade   ich   am Springen      und      die      anderen      schafften      es      noch      irgendwie,      harmlos umherzuschlendern   oder   aus   dem   Fenster   zu   blicken.   Das   gab   natürlich   ein Donnerwetter.   Der   Direktor,   ein   kleiner,   rundlicher   Herr   Hofrat,   besah   sich   die weißfleckige    Wand    und    erklärte,    ich    würde    für    den    Schaden    aufzukommen haben,   denn   ein   Neuanstrich   sei   unumgänglich.   Da   es   gerade   läutete,   kündigte er   an,   er   werde   in   der   nächsten   Pause   mit   dem   Schulwart   die   voraussichtliche Schadenshöhe      feststellen.      Ich      war      natürlich      verzweifelt,      doch      einige Klassenkameraden   hatten   die   rettende   Idee:   wenn   man   die   ganze   Wand   mit dem   Tafeltuch   abwischte,   verschwanden   die   Handspuren   und   die   Wand   war sauber.    Wir    hatten    in    dieser    Stunde    Religion,    und    der    Lehrer,    der    die    Not sogleich   erkannte,   ließ   uns   nicht   nur   während   seiner   Stunde   die   Wand   wischen, wir   durften   sogar   einen   Tisch   hinaustragen,   um   bis   in   die   obersten   Ecken   zu gelangen.   Das   Ergebnis   überzeugte   sowohl   den   Schulwart   als   auch   den   Direktor und    es    gab    nur    noch    einen    milden    Tadel    für    meine    Kindereien.    Nicht auszudenken, wenn wir statt Religion Latein gehabt hätten… Einmal,   im   Fasching,   brachte   einer   von   uns   eine   Stinkbombe   mit.   Das   war natürlich     eine     Sensation,     denn     niemand     hatte     vorher     je     eine     gesehen, geschweige   denn   gerochen.   Wir   betrachteten   sie   ehrfürchtig.   Es   war   eine   kleine, längliche    Glasampulle    mit    einem    dünnen    Hals.    Daran    klebte    eine    winzige Metallsäge,   mit   der   man   den   Hals   anritzen   sollte,   um   ihn   abzubrechen.   Und dann   würde   sich   der   unsagbar   eklige   Geruch   ausbreiten.   Es   war   ein   unglaublich erregender,    fast    heiliger    Moment,    und    doch    gemahnte    uns    die    Vernunft, umsichtig   zu   sein.   Der   Gestank   würde   sicher   geraume   Zeit   im   Klassenzimmer verweilen    und    wehe,    wenn    wir    da    an    den    Falschen    gerieten.    Aber    in    der übernächsten    Stunde    hatten    wir    ja    Religion,    da    würde    uns    schon    nichts passieren.   Der   Unterricht   zog   sich   dahin,   dann   läutete   es   zur   Pause   und   wir umringten    gespannt    den    Bombenexperten,    der    nun    zu    ritzen    begann.    Wir hielten   uns   übers   Waschbecken,   jemand   meinte,   es   würde   schon   reichen   und tatsächlich   -   mit   einem   Knacken   brach   der   Flaschenhals   und   sogleich   füllte   ein unbeschreiblicher    Gestank    nach    faulen    Eiern,    Darmgasen    und    Morast    die Klasse.     Die     Umstehenden     wichen     jäh     zurück,     die     Ampulle     landete     im Papierkorb   und   jeder   lief   zu   seinem   Platz,   angeekelt,   aber   zufrieden,   denn   wer nicht   wenigstens   einmal   im   Leben   eine   Stinkbombe   gerochen   hat,   der   kann wahrlich fürderhin nicht mitreden. Inzwischen   war   auch   der   letzte   Winkel   des   Klassenzimmers   von   Gestank   erfüllt, man   hörte   da   und   dort   leise   Würgegeräusche,   wobei   mir   auffiel,   dass   sich   die Mädchen    erstaunlich    gut    gehalten    hatten.    Offensichtlich    waren    sie    ebenso neugierig   wie   wir   Buben.   Doch   nun   erhob   sich   die   bange   Frage:   Was   würde geschehen,    wenn    der    Religionslehrer    hereinkam?    Würde    er    etwas    merken? Ganz   sicher!   Würde   er   schimpfen?   Würde   er   den   Schuldigen   ermitteln   wollen, bestrafen?   Da   ging   auch   schon   die   Tür   auf,   und   er   kam   herein,   jung,   sportlich, humorvoll.   Ich   vermute,   er   erfasste   im   ersten   Moment   die   Situation,   denn   er   tat so,   als   sei   gar   nichts   Besonderes.   Er   öffnete   das   Fenster,   was   uns   ja   verboten war,   setzte   sich   auf   die   Fensterbank,   schlug   sein   Buch   auf   und   meinte,   wir würden    heute    einmal    etwas    lesen.    Wir    waren    sprachlos,    denn    damit    hatte keiner   gerechnet.   Wir   saßen   im   Gestank,   er   an   der   frischen   Luft;   doch   dann begann   er   zu   grinsen,   forderte   uns   auf,   alle   Fenster   zu   öffnen   und   die   Reste   der Stinkbombe   geruchsdicht   einzuwickeln.   “Was   hättet   ihr   gemacht”,   fragte   er, “wenn euer Klassenvorstand hereingekommen wäre?” Wir wussten es nicht. Unser    Religionslehrer    war    einer    der    ganz    wenigen,    die    uns    wirklich    nie enttäuscht haben.
Ein unliebsames Erlebnis Ein   unliebsames   Erlebnis   mit   Gleichaltrigen   gab   es   auf   einem   sogenannten STUWE-Wochenende.    STUWE,    das    Studentenwerk,    war    eine    katholische Einrichtung,   damals   noch   im   Alten   Dom   untergebracht,   wo   mich   meine   Mutter hinschickte,   weil   sie   irgendwen   kannte,   der   auch   dort   war.   Die   Nachmittage waren   ganz   nett,   so   eine   Art   Jungschargruppe   mit   einem   Gruppenleiter   aus   der siebten   Klasse   Gymnasium.   Er   las   uns   gute   Geschichten   vor,   wir   erhielten   auch einmal    eine    Führung    in    den    gruseligen    Katakomben    des    Alten    Domes, eigentlich   eine   Gruft,   mit   echten   Särgen   und   kalter   Finsternis,   einmal   bestiegen wir    den    Turm    des    Neuen    Domes    und    ließen    von    dort    einen    Papierflieger davonsausen,   außerdem   gab   es   Filmvorführungen   -   ich   sah   damals   “Quo   vadis” -   sowie   einen   Coca-Cola-Automaten,   in   den   ich   viele   Schillinge   hineinsteckte, sowie einen Tischfußballtisch, auch Wutzler genannt. Dieses    Studentenwerk    bot    auch    Wochenenden    für    die    Jugend    an,    in    einer Mühle   im   Mühlviertel,   wo   ich   natürlich   ebenfalls   hingeschickt   wurde.   Es   gab Lagerfeuer   mit   Würstelgrillen,   einen   Bach   zum   Erforschen   und   verschiedene Spiele.     Das     Problem     war     die     Übernachtung.     Wir     lagen     auf     einer     Art Tennenboden   auf   Matratzen   in   einer   Reihe,   man   kam   nur   über   eine   Leiter hinauf,   wir   hatten   Schlafsäcke   und   Polster   von   zuhause   dabei   und   ab   einer gewissen   Uhrzeit   hatte   Nachtruhe   zu   herrschen.   Beaufsichtigt   wurden   wir   von älteren   Schülern   oder   Studenten,   die   uns   damals,   ich   war   vielleicht   elf,   schon wie   Erwachsene   vorkamen.   Sie   schliefen   in   einem   anderen   Teil   des   Gebäudes, kamen   aber   immer   wieder   zu   Kontrollzwecken   herüber.   Leider   gab   es   unter den    Matratzenschläfern    auch    minderwertige    Charaktere,    die    Gefallen    daran fanden,   jemanden   zu   quälen,   nämlich   mich.   Es   waren   blonde   Zwillinge,   die   ich nicht        kannte,        sportlich        durchtrainiert        und        offensichtlich        noch
unternehmungslustig.     Ich     war,     wie     gesagt,     ihr     Opfer.     Sie     fragten     mich scheinheilig,   ob   ich   schon   einmal   etwas   von   Muskelreiten   gehört   hätte,   und   ich verneinte   wahrheitsgemäß.   Daraufhin   hielt   mich   der   eine   in   Rückenlage   fest, während   der   andere   mit   seinen   Knien   auf   meinen   Oberarmen   herumrutschte und   mir   gleichzeitig   den   Mund   zuhielt.   Es   tat   scheußlich   weh,   ich   versuchte   zu schreien,     brachte     aber     nur     unterdrückte     Laute     heraus.     Glücklicherweise erschien   aber   gleich   darauf   ein   Aufpasser,   doch   bis   dieser   die   Leiter   erklommen hatte,   um   die   Ursache   des   Tumultes   zu   ergründen,   lagen   alle   wieder   auf   ihren Plätzen   und   stellten   sich   schlafend.   Einer   der   beiden   Brutalinskis   hatte   mir noch   zugeflüstert,   ja   nichts   zu   sagen,   sonst   würde   es   mir   schlecht   ergehen.   Der Aufpasser   blickte   streng   über   das   Lager   hin   und   entschied   dann   spontan,   dass ich    wohl   der   Urheber   der   Störung   gewesen   sei.   Keine   Ahnung,   worauf   sich dieser   Verdacht   gründete.   Ich   musste   jedenfalls   mit   ihm   hinauskommen,   was mir   ganz   recht   war.   In   einem   Nebenraum   hatte   ich   dann   ein   paar   Kniebeugen zu   machen   und   wurde   schließlich,   versehen   mit   einem   milden   Tadel,   wieder zurückgeschickt.   Ich   war   leider   zu   feige   gewesen,   von   meinem   Martyrium   zu berichten,   beschloss   aber,   im   Wiederholungsfalle   gleich   lauthals   loszubrüllen. Die    restliche    Nacht    verlief    allerdings    ruhig,    nur    konnte    ich    lange    nicht einschlafen,   denn   nachträglich   beschäftigte   mich   die   Frage,   warum   mir   keiner der anderen geholfen hat. Ich   strafte   die   beiden   Übeltäter   am   nächsten   Tag   durch   eisiges   Ignorieren   ihrer Anwesenheit,   was   sie   aber   nicht   zu   stören   schien.   Ich   kann   nicht   verhehlen, dass   sich   in   meinem   kindlichen   Gemüt   grausame   Rachegedanken   formierten, die   eines   Christenmenschen   jedenfalls   unwürdig   waren.   Glücklicherweise   bin ich diesen zwei Unmenschen später nie wieder begegnet.
Die Schulzeit Die    Schulzeit    hat,    nachträglich    betrachtet,    den    bedeutendsten    Einfluss    auf meine   Menschwerdung   ausgeübt   und   ich   vermute,   dass   diese   Erkenntnis   auch für    die    meisten    anderen    gilt.    Da    man    nämlich    als    Kind    noch    kaum    den Durchblick,   den   Mut   oder   die   nötige   Schlagfertigkeit   besitzt,   um   in   prekären Situationen   erfolgreich   zu   bestehen,   diese   sich   andererseits   bis   ins   hohe   Alter gleich     Filmszenen     in     Seele     und     Gedächtnis     eingraben,     sodass     man     oft jahrzehntelang   darüber   nachgrübelt,   was   man   damals   eigentlich   hätte   tun   und sagen   sollen,   ist   es   kein   Wunder,   dass   Erwachsene   mit   Vorliebe   an   den   Lehrern ganz   allgemein   herumnörgeln,   teils   aus   Neid   auf   die   langen   Ferien   und   die geringe    Anzahl    der    Unterrichtsstunden,    teils    auch,    weil    sie    ihre    eigenen Erfahrungen     aus     der     Schulzeit     nun     bequemerweise     auf     einen     ganzen Berufsstand projezieren können. Ich     selbst     empfand     mich     mehr     und     mehr     als     Spätentwickler,     der     den schulischen    Anforderungen    verzweifelt    hinterherschwamm,    während    andere kein    Problem    damit    zu    haben    schienen,    stundenlang    für    Schularbeiten    zu lernen   und   brav   die   Hausübungen   zu   machen.   Dafür   entwickelte   sich   nach   und nach   ein   Sinn   für   witzige,   skurrile,   absurde   und   groteske   Situationen.   Auch gelang   es   mir   im   Laufe   der   Jahre   immer   besser,   solche   Eigenheiten   bei   Lehrern und    Mitschülern    zu    erspüren,    woraus    sich    dann    auch    wirklich    etliche    sehr tragfähige Sympathien entwickelten. Meine   damalige   berufliche   Zielvorstellung   war   die   Verhaltensforschung.   Ich wollte   Tiere   beobachten   und   übte   mich,   in   Ermangelung   an   solchen,   in   der Erforschung     des     Verhaltens     von     Lehrkräften.     Ich     fand     sogar     ein     paar
gleichgesinnte   Kameraden.   Gemeinsam   legten   wir   Listen   an,   welcher   Lehrer welche   Wörter   immer   wieder   sagte.   So   pflegte   etwa   unser   neuer   Biologielehrer gerne   “nun”   zu   sagen   sowie   die   originelle   Wendung   “komm,   geh!”   als   Antwort auf    fachlich    unzulängliche    Schülermeldungen.    Auch    “also”    kam    signifikant gehäuft   vor   und   oft   war   es   am   Ende   der   Stunde   ein   spannendes   Finish,   welches Wörtchen   wohl   den   ersten   Rang   erzielen   würde.   Andere   wieder   sagten   laufend “äh”    oder    sprachen    das    “Und”    wie    “Ond”    aus,    was    ebenfalls    dokumentiert wurde.   Im   Laufe   der   Wochen   und   Monate   entstanden   umfangreiche   Listen,   die auszugsweise sogar ihren Weg in eine Maturazeitung gefunden haben. Natürlich   haben   wir   auch   originelle   Situationen   und   Versprecher   als   Stilblüten gesammelt.   So   wurde   ich   einmal,   als   ich   zur   Prüfung   aufgerufen   wurde   und   mit aufgekrempelten    Ärmeln    nach    vorne    schritt,    gefragt,    ob    mein    Vater    denn Fleischhacker   sei.   Die   passende   Antwort   wäre   natürlich   gewesen:   “Ein   Glück für   Sie,   dass   er   das   nicht   ist!”,   aber   so   etwas   fällt   einem   halt   erst   nach   Jahren ein.   So   schüttelte   ich   nur   stumm   den   Kopf   und   fürchtete   mich   ein   bisschen   vor der bevorstehenden Prüfung. Verstöße    gegen    die    Hausordnung    wurden    nach    wie    vor    im    Klassenbuch vermerkt,   was   zur   Folge   hatte,   dass   einer   von   uns   eines   Tages   das   Klassenbuch still   und   heimlich   in   seine   Schultasche   packte   und   zuhause   sicher   verwahrte.   Es wurde   wochenlang   vergeblich   in   der   ganzen   Schule   danach   gesucht,   vergeblich wurde     nach     dem     Schuldigen     gefahndet.     Kopierte     Seiten     aus     diesem denkwürdigen Dokument erschienen Jahre später in der Maturazeitung…
Mozartschule 1. Klasse 1965/66
Mozartschule 1. Klasse Volksschule 1965/66
In meiner Freizeit In   meiner   Freizeit,   die   ich,   soweit   es   meine   Mutter   zuließ,   bis   an   die   Grenzen des   gerade   noch   Vertretbaren   ausdehnte,   beschäftigte   ich   mich   hauptsächlich mit   Tieren.   Ich   las   Tiergeschichten,   studierte   Tierbücher   und   hatte   natürlich, ich     wollte     ja     Verhaltensforscher     werden,     den     sehnlichen     Wunsch     nach Haustieren.   Wir   hatten   seit   meinem   achten   Lebensjahr   zwei   Kanarienvögel. Pipsi,   das   Männchen,   sang   fleißig,   während   Sissi,   seine   Gefährtin,   brav   ihr   Nest baute   und   oftmals   Eier   legte,   aus   denen   zu   meiner   großen   Enttäuschung   nie etwas   schlüpfte.   Schon   bald   kam   noch   ein   Pärchen   Zebrafinken   dazu   und   etwas später     bekam     ich     von     meinem     Taufpaten,     unserem     Hausarzt,     einem gemütlichen,   freundlichen   dicklichen   älteren   Herrn,   zu   meiner   großen   Freude zum   Geburtstag   ein   Paar   Wellensittiche.   Nun   herrschte   fröhliches   Gezwitscher in    meinem    Zimmer.    Nach    der    Schule    wurden    die    Käfige    geöffnet    und    die Vögelchen   flogen   frei   herum.   Meist   saßen   sie   dann   zufrieden   ganz   oben   auf   den Karniesen.    Wenn    es    wieder    Zeit    für    den    Käfig    war,    pflegte    ich    an    den Vorhängen   zu   rütteln,   wobei   ich   einmal   eine   Karniese   halb   herunterriss.   Dieser Vorfall   brachte   mir   immerhin   außer   einer   mütterlichen   Schimpftirade   eine   gute Note   bei   der   nächsten   Deutsch-Schularbeit   ein.   Das   Thema   lautete:   Als   ich einmal große Angst hatte. Mein   besonderer   Wunsch   war   schon   länger   eine   Schildkröte.   Meine   Mutter wollte    davon    nichts    wissen,    also    musste    ich    zur    Selbsthilfe    schreiten.    Ich erwarb   heimlich   ein   Exemplar   in   einer   Tierhandlung   und   hielt   sie   einige   Tage lang   heimlich   in   unserem   geräumigen   Abstellzimmer   versteckt;   als   sie   entdeckt wurde,   gab   es   wieder   die   übliche   mütterliche   Schimpftirade   sowie   eine   weitere gute   Note   für   einen   Aufsatz:   Mein   Haustier.   Greti,   die   (männliche)   Griechische Landschildkröte,   bekam   dafür   alsbald   ein   Weibchen   dazu,   das   Georgy   getauft wurde.   Bald   konnten   die   zwei   in   ein   schönes   Gehege   im   Garten   übersiedeln.   Im Lauf    der    Jahre    kamen    immer    wieder    Neuerwerbungen    dazu;    die    letzte    aus dieser   Zeit   starb   im   Frühjahr   2018   unter   ungeklärten   Umständen.   Wir   hatten sie fast fünfzig Jahre lang. Mit   einem   Schulfreund   gründete   ich   ca.   1973   die   Turtle   Corporation,   wofür   wir von   einem   Mitschüler   drei   kleinere   Griechische   Landschildkröten   erwarben, die dieser von einer Griechenlandreise selbst mitgebracht hatte. Über die Schildkröten wird zu späterer Gelegenheit noch berichtet werden.
Auf     Wochenendausflügen,     vornehmlich     ins     Mühlviertel,     erkundete     ich gewissenhaft    sämtliche    Teiche,    Tümpel    und    Bäche    und    kannte    schon    bald sämtliche   Insektenlarven,   Molche,   Unken,   Kröten   und   Frösche.   Da   mein   Vater ein       begeisterter       Fotograf       war       und       mir       natürlich       frühzeitig       eine Spiegelreflexkamera   geschenkt   hatte,   konnte   ich   viele   meiner   Entdeckungen auf    Film    bannen.    Ich    verbrachte    damals    manch    spannenden    Abend    mit meinem   Vater   in   der   Dunkelkammer,   wo   wir   Schwarzweiß-Filme   entwickelten und   vergrößerten,   in   der   Badewanne   wässerten   und   schließlich   zum   Trocknen mit Kluppen an die Wäscheleine hängten. Überhaupt   ließ   sich   mein   Vater   schnell   für   alles   Mögliche   begeistern   und   hatte dann    nicht    selten    mehr    Ausdauer    als    ich.    Er    baute    eine    Modelleisenbahn, begann   das   Briefmarkensammeln   und   wurde   schließlich   sogar   Aquarianer.   Ich hatte   nämlich   am   Heimweg   von   der   Schule   in   einer   Zoohandlung   interessante rötliche   Wasserschnecken   gesehen,   einige   zusammen   mit   einer   Wasserpflanze erworben und zuhause in einem großen Weckglas am Fensterbrett stationiert. Mein   Vater   begutachtete   die   Unterbringung   etwas   skeptisch   und   brachte   am nächsten    Tag    ein    kleines    Plastikaquarium    daher,    womit    der    Grundstein    für unser   beider   Aquarianerlaufbahn   gelegt   war:   ins   Schneckenaquarium   kam   ein kleiner   Goldfisch,   schon   bald   folgten   die   ersten   größeren   Glasaquarien,   mein Vater    stellte    im    Wohnzimmer    ein    eigenes    auf,    mit    Goldfischen    und    einem Zwergwels    und    in    den    kleinen    Plastikbecken    tummelten    sich    Wasserkäfer, Kaulquappen   und   Libellenlarven,   Teichschnecken,   die   ein   ganzes   Salatblatt   an einem       Tag       auffressen       konnten,       weiters       Blutegel,       Tubifex-Würmer, Wasserskorpione   und   Gelsenlarven.   Vor   den   Ferien   wurde   dieses   Getier   in   die Natur     entlassen,     die     Fische,     samt     Wels,     in     einen     städtischen     Teich     in Bahnhofsnähe.       Die       Vögel       und       Schildkröten       übersiedelten       zu       den väterlicherseitigen Großeltern, die in ländlicher Idylle in Urfahr wohnten. Als   ich   klein   war,   hatten   diese   Großeltern   noch   Ziegen   und   Hühner,   im   Haus roch    es    nach    frischen    Äpfeln,    alten    Kartoffeln    und    Mäusekot,    im    riesigen Garten    gab    es    Holzschuppen,    ein    kleines    Nebengebäude,    man    konnte    Igel beobachten    und    gelegentlich    sogar    einen    Fasan    oder    einen    Feldhasen.    Hier wollte ich dereinst leben! Natürlich ist daraus nichts geworden. Heute steht dort eine Feinkostfirma. Fortsetzung folgt!