Stimmungsbilder
Josef Peneder Nachts im Bootshaus Sanft, wie selbstverständlich, schlägt das schwarze Wasser von unten an die Stege, dazwischen atmen die hölzernen Ruderboote, dunkle, längliche Laibe, den warmen Duft des heißen Sommertags geduldig aus, wie Kühe im Stall, müde, zufrieden; gelegentlich klirrt eine Kette, die ohne Zwang den schweren Körper hält. Die Ruder an den Wänden ruhen paarweise, schlank und elegant. Ich nehme zwei vom Haken, löse ein Boot mit sanftem Stoß, geräuschlos gleiten wir hinaus in die mondhelle Stille vorbei am Schilf und den Seerosen auf einem  Spiegel aus lebendigem Silber unter den unendlichen Sternen, die Seine Größe verkünden.
Josef Peneder Kalter Wein Fragment, zufällig wieder entdeckt; datiert ca. 1989 Pamhagen     ist     ein     kleiner     Ort     im     hintersten     Winkel     des Burgenlandes.    Hierher    verirrt    sich    zu    dieser    Jahreszeit,    es    ist Anfang   November,   kein   Tourist   mehr.   Daher   betrachten   auch   die Einheimischen    die    beiden    Fremden,    die    da    vor    dem    Gasthaus „Zum      Türkenturm“      geschmeidig      aus      einer      dunkelblauen Limousine gleiten, mit unverhohlener Neugier. Der   Wirt   des   Türkenturms   erkennt   sie   wieder:   „Grüß   Gott,   Herr Paule,   Grüß   Gott,   Herr   Peneder!   Schön,   Sie   beide   wieder   hier   zu haben!“ Wir grüßen artig und fragen nach einem Zimmer für diese Nacht. „Ein   Zimmer?“   Der   Türkenwirt   lacht.   „Da   haben   Sie   Pech,   Sie zwei!    Aber    warten    Sie,    meine    Herren!“    Er    deutet    nach    vorn. „Dort,   in   dem   Haus   mit   dem   hohen   Giebel,   da   fragen   Sie!   Aber sagen   Sie   dazu,   dass   ich   Sie   schicke,   meine   Herren;   da   wohnen nämlich   misstrauische   Leute,   die   schlafen   mit   der   Pistole   unter dem   Kopfkissen,   und   außerdem   haben   sie   scharfe   Hunde.   Also   machen Sie’s gut, Sie beide!“ Das    Haus    ist    stockfinster.    Kälte    kriecht    in    die    Kleidung,    die klammen      Finger      tasten      nach      der      Türklinke.      Mit      einem langgezogenen   Klagelaut   gibt   die   Tür   nach.   Wir   stehen   in   einem
dunklen   Gang,   der   in   einen   kahlen   Hinterhof   mündet.   Es   riecht nach   Raubtieren   und   Aas.   Wir   tasten   uns   an   der   Wand   entlang. Totenstille   herrscht   und   Finsternis.   Der   Atem   lässt   weiße   Nebel vor den Gesichtern aufsteigen. Jeder   Schritt,   das   Knirschen   des   Sandes   unter   den   Schuhen,   wird lauter   und   lauter,   zurückgeworfen   von   den   Wänden,   harte,   klare Geräusche, die die Stille mit Messerschnitten durchbrechen. Wir    stehen    still.    Ein    zarter    Nachhall    dröhnt    noch    durch    das Gewölbe,   minutenlang   scheinbar,   doch   in   Wahrheit   nur   einige Herzschläge. Dann   ist   irgendwo   ein   Lichtschimmer,   eine   Tür   wird   geöffnet   auf der   anderen   Seite   des   Hofes.   Dort   steht   ein   alter   Mann,   versucht uns wahrzunehmen, etwas zu erspähen in der Finsternis. Paule   gibt   sich   einen   Ruck   und   geht   auf   ihn   zu.   Der   Alte   zuckt zusammen. Minuten   später   stehen   wir   wieder   auf   der   Straße.   Die   Zimmer sind   eiskalt,   werden   jetzt   nicht   mehr   geheizt;   vielleicht   hat   die Frau Fleischhacker warme Betten für die Herren.
Josef Peneder Herbst Das milde Licht des Sommers wich dem klaren, harten Glanz. Die Wälder rings verändern sich und sterben doch nicht ganz. Ein kalter Windhauch weht herein, er kündet Nacht und Tod, derweil im reinen Sonnenschein die Blätter leuchten rot. Noch wärmt des Herbstes Sonne Kraft die windgeschützte Laube, doch bald schon werden hingerafft die Blätter, und werden zu Staube. So finden sich im Herbst vereint das Leben und der Tod, die Üppigkeit der Erntezeit, des Winters kalte Not.
Josef Peneder
Der unbotmäßige Knabe Es   war   einmal   ein   kleiner   Junge,   der   befleißigte   sich   ab und   an   eines   unbotmäßigen   Verhaltens.   So   bedachte   er seine       Lehrkräfte       nur       höchst       unzureichend       mit gebührlichem   Respekt,   sprach,   wann   immer   ihm   der   Sinn danach   stand   und   versetzte   seine   Umgebung   nicht   selten in   höchliches   Entsetzen,   indem   er   die   Stätte,   so   ihm   zur Verrichtung     seiner     Arbeiten     zugewiesen,     schweigend verließ. Oftmals     wandelte     er     dann     aus     Erziehungsheim     oder Schule,   verbarg   sich   im   Geäst   hinter   der   Kirchmauer   und lachte still vor sich hin, wenn man ihn suchte. Nun    wirkte    in    derselben    Anstalt    ein    Pädagoge,    dessen vorrangiges   Lebensziel   er   in   seiner   eigenen   Zufriedenheit und   Ruhe   erblickte.   Den   Lehrberuf   hatte   er   vornehmlich aus    Bequemlichkeit,    aus    Gewohnheit    ergriffen,    denn    es war   ihm   nach   erlangter   Matura   der   Gedanke   unerträglich, die     Schule,     deren     bedächtige     Betriebsamkeit     er     zu schätzen gelernt hatte, verlassen zu müssen. So   wenig   er   nun   diese   Berufswahl   zu   bereuen   hatte,   so   gab es      doch      immer      wieder      Ungemach      durch      einzelne Störenfriede,      die      seinen      Wunsch      nach      Ruhe      und Gleichmaß partout nicht zu respektieren vermochten. Eines   schicksalhaften   Tages   begab   es   sich   nun,   dass   jener Pädagoge,    wir    nennen    ihn    P.,    in    die    Direktion    gerufen ward      zwecks      Vorsprache      und      ihm      daselbst      vom wohlwollenden,     aber     findigen     Direktor     der     Wunsch unterbreitet   wurde,   er   möge   sich   fortan   tunlichst   um   das
Wohl     und     Fortkommen     des     unbotmäßigen     Knaben annehmen,   ihn   in   fachlicher   und   erzieherischer   Hinsicht fördern   und   jedenfalls   sei   ihm   ab   dato   die   unumschränkte Verantwortung für die Angelegenheit übertragen. P.    wusste    seine    Energien    haushälterisch    zu    verwalten, daher    nickte    er        nur    stumm    und    begab    sich    in    seine Studierstube,    um    daselbst    zu    sinnieren,    wie    mit    der ungeliebten Situation umzugehen sei. Nach   wenigen   Stunden   intensiven   Wälzens   von   Gedanken manifestierte    sich    schließlich    das    Zauberwort    vor    dem geistigen    Auge    des    in    diese    prekäre    Lage    Gestoßenen: Anpassung! Dass   er   den   Knaben   verändern,   gar   erziehen   könnte,   hielt er   bei   der   geringen   Belastbarkeit,   mit   welcher   er   von   der Natur ausgestattet war, für ausgeschlossen. Nein,   er   musste   vielmehr   die   verstörende   Art   des   Knaben in   sich   selbst   aufnehmen,   werden   wie   dieser,   spontanen Eingebungen   zugeneigt,   Konventionen   nicht   achtend,   das Absurde,           Skurrile           zur           Grundlage           seiner Lebensäußerungen erwählen, nein besser: erkiesen! Schon   merkte   er,   wie   ihn   sein   neues   Lebensgefühl   mitriss: ...erkiesen, erkiesen... "Ich   werde   die   Welt   erkiesen!",   sagte   er   laut   und   verließ seine     Studierstube,     um     sich     im     Geäst     hinter     der Kirchmauer zu verbergen.
Das   Textarchiv
Texte aus fünf Jahrzehnten
© Josef Peneder 2016   Version 2.5  /  05.05.2022
Ich war auf einer Beerdigung Ich war auf einer Beerdigung. Eine Mutter, einundneunzig. Friedlich entschlafen, eine brave, anständige, tapfere Frau. Ich war auf der Beerdigung. Ich sah die Tränen der Kinder. Ich sah die Tränen der Enkelkinder. Ich sah, wie der Sarg in die Erde hinabgesenkt wurde. Ich sah den Schmerz in den Gesichtern. Ich sah die Tränen der Kinder, der Enkelkinder. Ich hörte die Worte des Predigers. Ich hörte den Klang der Oboe. Ich sah den Schmerz in den Gesichtern der Kinder und Enkelkinder. Ich sah das Mitleid, die Trauer der Umstehenden. Die Worte des Predigers waren voll Hoffnung. Die Oboe klang schwermütig, aber auch sehnsuchtsvoll. Der Himmel war grau, es hatte vorher heftig geregnet. Die Trauernden standen dunkel zwischen den Gräbern. Der Bestatter sprach salbungsvolle Dankesworte. Die Hinterbliebenen warfen Blumen auf den Sarg. Die Enkelkinder weinten. Ihre Eltern hielten sie fest an sich gedrückt. Der Himmel war grau, wolkenverhangen. Meine Gedanken schweiften ab. Wieviel Mitgefühl, wieviel Dankbarkeit. Ein Mensch, der seinen Lebensweg vollendet hat. Trauer um eine Mutter, ein reich gesegnetes Leben. Eine stille, bescheidene Frau, die noch Urenkel erleben durfte. Die selbst voller Liebe, Dankbarkeit, Glaube und Gewissheit war. Die dunklen Wolken bewegten sich langsam. Ich konnte die frisch aufgeworfene Erde riechen. Feuchte Frühlingsluft. Neubeginn, Hoffnung. Meine Gedanken schweiften ab. Ich sah die Ertrunkenen am Strand. Ich sah die namenlosen Toten im Meer treiben. Ich sah ertrunkene Kinder, verzweifelte Mütter. Ich sah die Gesichter der Menschen, die vor dem Krieg wegliefen. Ich sah die Verzweiflung in den Gesichtern. Ich sah die Verzweiflung der Menschen, die dem Hunger entkommen wollten. Ich hörte die Wellen an den Strand rauschen. Sie bewegten die Leichen. Ich sah Menschen im Wasser treiben. Ich sah Boote, die voll waren mit Hoffnung und Angst. Ich sah Menschen am Straßenrand. Ich sah Frauen, Kinder, junge Männer an Zäunen stehen. Zelte im Schlamm. Menschenmengen vor irgend einer Polizeistation. Soldaten und Polizisten. Ich hörte Politiker reden. Sie sahen aus wie Menschen. Sie hatten Anzug und Krawatte, gepflegtes Auftreten. Sie waren ordentlich frisiert. Ich hörte sie reden. Mir graute vor dem, was sie sagten. Sie sprachen, als wüssten sie Bescheid. Sie sprachen, als kennten sie die Umstände. Ihre Rede klang wohlüberlegt. Sie sprachen von der Notwendigkeit. Sie sprachen von Bedingungen. Sie sprachen zu jenen, die genauso denken. Zu den Überheblichen. Zu den Hochmütigen. Zu den Gottlosen. Zu den Selbstgerechten. Zu den Spöttern, denen ein Menschenleben nicht heilig ist. Sie redeten, als gäbe es wertvolle und wertlose Menschen. Sie redeten, als stünde ihnen darüber ein Urteil zu. Sie redeten, als seien jene selbst Schuld an ihrer Not. Sie redeten, als könnte ihnen das alles nie passieren. Sie schauen in ihrer Selbstgerechtigkeit auf jene herab, die anders denken. Sie verachten jene, die Mitleid empfinden. Sie spotten über die, die helfen. Sie schimpfen über die, die Grenzen öffnen wollen. Ihr Gewissen haben sie geopfert. Ihre Härte kommt aus dem Zwang der Gleichgesinnten. Ihre Kälte entspringt ihrem Egoismus. Ihre Kraft kommt aus der Angst, Schwäche zu zeigen. Ihr leeres Gewissen füllen sie mit Traditionen. Ihre Unmenschlichkeit nennen sie Recht und Ordnung. Ihre Lieblosigkeit nennen sie Werte. In Wahrheit haben sie Angst vor wacher Geisteskraft. In Wahrheit scheuen sie spontane Entscheidungen. In Wahrheit müssen sie sich am Stammtisch Mut machen. Im Kreise Gleichgesinnter müssen sie sich in ihren Meinungen bestärken. In Wahrheit haben sie Angst. Sie fürchten, was sie nicht kennen. Sie fürchten das Fremde, weil sie es nicht verstehen. Sie fürchten die Menschlichkeit, weil sie unberechenbar ist. Sie fürchten den Intellekt, weil er für sie unerreichbar bleibt. Sie klopfen sich lieber gegenseitig auf die Schulter. Sie denken an ihre Wähler. Sie denken an ihre Karriere. Sie denken an ihre Zukunft. Sie haben keine Zukunft. Sie haben die Zukunft begraben. Ich war auf der Beerdigung!
Wenn die Guten nicht kämpfen, werden die Schlechten siegen. Platon
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