Josef Peneder
Das   Textarchiv
Texte aus fünf Jahrzehnten
© Josef Peneder 2016   Version 2.5  /  05.05.2022
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Einer    meiner    alten    Freunde,    damals    schon    achtzig    und immer    noch    ein    begeisterter    Bergsteiger,    erschien    eines Tages   stark   humpelnd   und   mit   einem   dick   bandagierten Fuß zum Hundetraining. "Bergunfall?", vermutete ich. "Sozusagen",   war   seine   kryptischeAntwort.   Dabei   wirkte   er irgendwie   peinlich   berührt   und   ich   sah   ihm   an,   dass   er   am liebsten   nicht   weiter   darüber   sprechen   wollte.   Aber   so   billig kam er mir nicht davon. "Erzähl schon", forderte ich ihn auf. Er    zuckte    resignierend    die    Schultern    und    meinte:    "Die Japaner!" Das wurde ja immer besser. "Du warst doch letztes Wochenende in den Bergen..." "War      ich",      antwortete      er,      nun      schon      mit      einem verschmitzten   Lächeln,   "und   ich   bin   auch   wieder   gut   nach Hause   gekommen.   Dann   hab   ich   mich,   entgegen   meiner sonstigen    Gewohnheit,    im    Wohnzimmer    auf    die    Couch gelegt und bin eingeschlafen." Er schüttelte den Kopf. "Ich     hatte     einen     Traum",     fuhr     er     fort.     "Ich     war     im Hochgebirge   unterwegs,   da   fand   ich   plötzlich   eine   ziemlich ernsthaft     verletzte     Frau.     Sie     hatte     Schürfwunden     und möglicherweise   ein   gebrochenes   Bein,   konnte   nicht   mehr aufstehen   und   wimmerte   leise   vor   sich   hin.   Ich   versorgte ihre   Wunden   und   überlegte   gerade,   was   zu   tun   sei,   als   zwei Japaner   auftauchten.   Jetzt   müsste   es   möglich   sein,   Hilfe   zu holen.   Ich   zeigte   auf   die   Verletzte   und   meinte,   einer   von uns    müsse    sofort    ins    Tal    absteigen    und    die    Bergrettung alarmieren.
Aber die Japaner schüttelten bedauernd den Kopf. 'Ist spät', erklärte der eine. 'Müssen    zum    Gipfel',    erklärte    der    andere,    und    schon wollten sie einfach weitergehen. Da     bekam     ich     einen     furchtbaren     Wutanfall.     Einen Verletzten    im    Stich    lassen,    das    war    doch    wohl    nicht möglich, das durfte nicht sein! Ich   rannte   ihnen   nach,   holte   schwungvoll   aus   und   gab   dem einen      einen      gewaltigen      Tritt      in      sein      egoistisches Hinterteil!" Er schaute mich grinsend an. "Der   Tritt   hat   ziemlich   weh   getan.   Ich   habe   nämlich   die Lehne   von   der   Couch   getroffen   und   mir   den   großen   Zeh gebrochen!"
Peneder Josef Ein heiterer Bergunfall
Gemischte Geschichten
"Da     kommt     wer!",     rief     mein     Freund     mit     gedämpfter Stimme.   Er   hatte   ab   3   Uhr   früh   die   Wache   übernommen. Ich   setzte   mich   schlaftrunken   auf.   Der   Rücken   schmerzte vom      Liegen      auf      der      Holzbank      in      dem      winzigen Zollwachehäuschen.   Am   Tisch   brannte   einsam   eine   Kerze, daneben    lag    der    bleiche    Schädel    eines    Rehbocks.    Wir löschten    die    Flamme    und    starrten    durchs    Fenster.    Das zitternde       Licht       eines       Mopeds       war       über       dem Hochwasserdamm   aufgetaucht   und   näherte   sich   unserem Versteck. An Flucht war nicht mehr zu denken. Wir       waren       damals       Studenten       und       hatten       uns vorgenommen,   einige   Tage   lang   die   Auwälder   nördlich   von Marchegg   zu   durchstreifen,   Tiere   zu   beobachten,   zu   malen, Abenteuer   zu   erleben.   Bis   zum   Abend   hatten   wir   uns   wenig Gedanken   darüber   gemacht,   wo   wir   übernachten   würden. Vielleicht     an     einen     Baum     gelehnt     ein     paar     Stunden dahindösen. Aber   es   war   Anfang   April.   Es   wurde   dunkel,   und   es   wurde empfindlich     kalt.     Da     entdeckten     wir     unterhalb     vom Hochwasserdamm               das               kleine,               hölzerne Zollwachehäuschen.   Natürlich   war   es   zugesperrt.   Ich   hatte einen    großen    Schlüsselbund    mit,    und    tatsächlich    passte einer, ein ganz normaler Zimmertürschlüssel. Wir   hatten   ein   mulmiges   Gefühl,   als   wir   eintraten.   Außer dem   Tisch   und   zwei   langen   Holzbänken   gab   es   noch   einen kleinen   Ofen   sowie   eine   Kiste   mit   Holz   und   Kohlen.   Das gab den Ausschlag. Bald   schon   war   es   schön   warm   in   dem   winzigen   Raum,   wir hatten   eine   Kerze   gefunden   und   in   ihrem   Schein   warf   der Schädel   des   Rehbocks   zuckende   Schatten.   Diesen   Schädel, den   wir   im   Wald   gefunden   hatten,   hatte   uns   übrigens   der Förster höchstpersönlich überlassen. Nach   einer   kleinen   Nachtjause   beschlossen   wir,   dass   einer
schlafen    und    der    andere    aufpassen    sollte.    Jede    Stunde würden wir uns abwechseln. Nun   erwarteten   wir   ängstlich   die   Ankunft   des   Zöllners,   der eben draußen sein Moped abstellte. Die    Tür    schwang    auf    und    ein    kräftiger    junger    Mann    in grauer   Uniform   füllte   den   Türrahmen   aus.   In   einem   Halfter hatte    er    eine    Pistole.    Die    Enge    des    Raumes    hatte    etwas Bedrohliches. Auch der Zöllner wirkte nervös. "Was macht ihr hier?" Wir   erklärten   ausführlich,   wie   wir   in   diese   Lage   gekommen waren.   Er   verlangte   unsere   Ausweise   und   schrieb   unsere Daten   in   ein   Büchlein.   Dann   wurde   er   wieder   amtlich:   "Ihr verheizt   hier   Staatseigentum",   meinte   er   streng.   Ich   hielt ihm   20   Schilling   hin,   worauf   er   entsetzt   zurückwich.   "Ich darf kein Geld annehmen", erklärte er. Die   Nervosität   hatte   sich   inzwischen   einigermaßen   gelegt. Er    untersuchte    noch,    ob    die    Tür    auch    wirklich    nicht aufgebrochen war. Dann ließ er uns gehen. "Seid   froh,   dass   heute   nicht   mein   Chef   die   Runde   macht!", rief   er   uns   noch   nach.   Erleichtert   ließen   wir   ihn   in   dem gemütlich warmen Häuschen zurück. Mein   Freund   ist   heute   Primar   in   einem   Linzer   Spital,   ich selbst bin Lehrer geworden. Der   Schädel   befindet   sich seither        im        Biologie- Kammerl    meiner    Schule und      dient,      zusammen mit      dieser      Geschichte, den   staunenden   Kindern als     Beispiel     für     Natur und Abenteuer.
Peneder Josef Da kommt wer!
Er   hatte   das   Jazz-Konzert   in   Linz   organisiert,   wie   jedesmal für   die   Unterbringung   der   Musiker   gesorgt,   jetzt   waren   sie alle    gemeinsam    zum    Bahnhof    gebracht    worden.    Es    war noch   etwas   Zeit   bis   zur   Abfahrt.   Sie   standen   beim   Aufgang zu    den    Bahnsteigen,    hatten    die    verpackten    Instrumente abgestellt.   Man   plauderte,   wünschte   sich   eine   gute   Reise, ein    baldiges    Wiedersehen,    Grüße    an    die    Familie.    Das gestrige     Konzert     wurde     noch     einmal     besprochen,     gut besucht, erfolgreich, gute Musik, tolles Zusammenspiel. Rundherum   herrschte   geschäftiges   Hin   und   Her,   die   Leute kamen    von    den    Zügen,    Begrüßungen,    Abschiede,    Eile, Kofferrollen, Lautsprecherdurchsagen. Er   hatte   seine   Schirmmütze   abgenommen,   hielt   sie   nun   in der   Hand,   strich   sich   gedankenverloren   durch   die   Haare. Er    wollte    gerade    etwas    sagen,    als    sich    eine    alte    Frau näherte.    Sie    kramte    umständlich    in    ihrer    Handtasche. Endlich    hatte    sie    das    Gewünschte    gefunden.    Mit    einem freundlichen   Lächeln   warf   sie   ein   Geldstück   in   die   Mütze, die    er    noch    immer    in    der    Hand    hielt.    Sie    nickte    den Musikern   zu,   drehte   sich   um   und   war   gleich   wieder   in   der vorüberhastenden Menge untergetaucht. Er   nahm   die   Münze   heraus,   es   waren   zwei   Euro.   Die   erste Verblüffung schlug rasch in Erheiterung um.
Peneder Josef Betteln verboten
In   diesem   Augenblick   trat   ein   vornehm   gekleideter,   älterer Herr   auf   sie   zu.   Er   trug   eine   Brille   und   musterte   streng   die heitere   Gruppe.   Dann   erklärte   er   mit   einer   Handbewegung Richtung    Mütze:    "Sie    wissen    schon,    dass    Betteln    hier verboten ist!" Sprach's   und   marschierte   entschlossen   davon,   stolz   darauf, seiner Bürgerpflicht nachgekommen zu sein. Das schallende Gelächter hat er wohl nicht mehr gehört.